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26.05.2004 06:19
Aus gregorianischem Korsett ausgebrochen
"Ordo virtutum" mit beeindruckender Aufführung von Werken des Hermannus Contractus aus dem Kloster Reichenau
Konstanz

Musik vom Kloster Reichenau, vor über 900 Jahren komponiert, gab es jetzt erstmals zu hören im Konzert des Ensembles für mittelalterliche Musik "Ordo virtutum" am Entstehungsort: ein lokaler Bezug besonderer Art. Die außergewöhnliche Aufführung fand im Rahmen der Reichenauer Augia-Konzerte in den romanischen Kirchen sowie des Bodenseefestivals statt.

Im Marien- und Markusmünster Reichenau sang das aus fünf Sängern bestehende Ensemble aus zwei Offizien zu Stundengebeten von Hermannus Contractus ("Hermann der Lahme"), der aus gregorianischem Korsett ausgebrochen war und lebendigere Musik mit reicherem Klanggestus komponiert hatte. 90 Minuten einstimmiger, gregorianischer Gesang, einladend zu ganzheitlicher Raum-Klang-Meditation: Keine Minute war überflüssig; ein geschlossenes Kontinuum entstand in wechselreicher Folge von Responsorien, Hymnen, Antiphonen, Lesungen und beide Offizien beschließendem Marienlob ("Salve Regina" und "Alma Mater").

Ob schlichte Lesung im Rezitationston oder melismenreiche Verse (der komponierten Ausschmückung einfacher Notenfolgen): jede der fünf Männerstimmen hatte Schönheit, Gewicht und eigenen Charakter, erklang solistisch in den Responsorien (Solo gegen Chor), zu zweit oder dritt in den Antiphonen (zwei Halbchöre) und im Ensemble in den Hymnen. Die Gruppe intonierte - modern ausgedrückt - im tenoral-baritonalen Bereich und erzielte voluminös homogenen Klang, der von Hermann durchwegs modal gesetzten (Tonleitern nur auf "weißen Tasten" von c bis h) und in passende Höhen transponierten Stücke.

Dem klingenden, jetzt erst ausführbar gemachten Gesang waren musikhistorische Forschungen des Ensembleleiters Stefan Johannes Morent (Tübingen) vorausgegangen. Mit fast notenbildgetreuer Handzeichengebung führte er durch die ursprünglich notenlinienlos (in Neumen) komponierten Vita-Texte über den Reichenauer Klosterschüler und späteren Regensburger Bischof Wolfgang und die Märtyrerin Afra, alle Lesungen am Ambo selbst singend.

Ob meditativ dem lateinischen (im Programmheft übersetzten) Gesang folgend oder mit Kenntnissen zum Beispiel aus dem vorausgegangenen Seminar ausgestattet: Die Hörerschaft spendete nach verklungenem Glockenton Beifall aus wohl gefüllten Bänken für ein besonderes Konzert, das ein Stück klösterlich-musikalischen Tages- und Nachtablaufs als mit zu feiernde Andacht lebendig werden ließ.

Reinhard Müller




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